Sinnverlust oder Frage nach dem Sinn des Lebens: Die Depression

„Nichts macht Sinn“…. So eine verzweifelte Aussage unter Tränen von einer Klientin, 32 Jahre.

Klientin: Wozu soll ich aufstehen oder in die Arbeit gehen oder mich waschen, es macht doch keinen Sinn. Wo liegt der Sinn? Ist doch eh jeden Tag dasselbe, alles sinnlos! Sagen Sie mir, wo der Sinn liegen soll in meinem Leben?

In Lebensphasen, in denen wir beginnen, nach dem Sinn zu fragen, ist uns das Lebensgefühl von Sinn verloren gegangen. Wenn es uns gut geht, wir Freude am Leben empfinden, fragen wir nicht nach dem Sinn. Der Sinn ist mit jedem Atemzug da und begleitet uns als ein erfüllendes Lebensgefühl.

ABER: Wir alle erleben Krisen, in denen sich die Dinge zu ändern beginnen. Das kann verursacht sein durch eine Beziehungskrise, durch Trennungen oder Verlusterleben, wie Arbeitsverlust oder Krankheit und anderes. Etwas entscheidend Veränderndes passiert und die Zeit, bis wir uns neu organisiert haben, bringt Verwirrung und Unsicherheit mit sich. In solchen Phasen neigen wir auch dazu, zu fragen, ob das Sinn macht. Solche Phasen sind Lebenskrisen, die uns herausfordern, umzudenken, uns neu zu organisieren und unsere Werte zu hinterfragen, ob und wie unsere Erwartungen noch passen. Die Herausforderung liegt darin, dass wir umdenken, flexibel und offen für Neues sind und das Alte als etwas aus der Vergangenheit gehen lassen können.

Anders liegt der Fall, wenn gar nichts im Außen passiert und sich langsam das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit in uns stärker und stärker wird, wie bei der oben erwähnten Klientin. In solch einem Fall ist innerlich eine Veränderung passiert, die wir nicht zuordnen können. Wir spüren in schmerzhafter Weise die Wirkung, die Veränderung in Richtung Sinnverlust – alles wird anstrengend.

Im Erleben bedeutet das, dass wir das Gefühl dafür verlieren, wer wir sind und was unsere Ziele, Bedürfnisse und Interessen sind. Wir gehen uns selbst verloren und wir verlieren den Zugang zu dem, was uns ausgemacht hat. Aus diesem Gefühl des sich Verloren-Fühlens entwickelt sich die Aussage: Wozu, es macht doch keinen Sinn!

Die schwierige Aufgabe liegt genau darin, dass wir dem Gefühl der Leere nachspüren müssen, was die Leere in sich verbirgt bzw. was sie unter Verschluss hält. All jenes, das wir leidvoll als „Leere“ erleben, ist ein wesentlicher Teil von uns, der sich wie eine eigene Persönlichkeit von unserer Seele/Psyche abgekapselt hat. Die „Leere“ verschließt einen wesentlichen Anteil unserer Gefühlswelt, nämlich jenen, der uns so schmerzhaft fehlt. Die „Leere“ birgt unser Gefühl, wer wir sind, unser Selbst-Gefühl, unsere Kreativität, unser Interesse und unsere Bedürfnisse, und dadurch verlieren wir auch unsere Fähigkeit, aktiv und kreativ unser Leben sinnvoll zu gestalten. Wir haben keinen Zugang mehr zu unseren Gefühlen, die unsere Persönlichkeit ausmachen. Wir über-leben nur noch aus einer dünnen Hülle von uns selbst und fühlen uns zerbrechlich und innerlich wie ausgebrannt. 

Was ist passiert (meist eine Summe von schwierigen Erfahrungen), ist die Frage, die uns beschäftigen wird, wenn wir dem Gefühl der Leere nachspüren.

Ich bezeichne es als „Mauer“, die wir innerlich aufgebaut haben, die uns von unserem Selbstgefühl trennt. Diese „Mauer“, die wir innerlich aufgestellt haben, haben wir natürlich nicht zufällig innerlich aufgebaut, sondern es hat seine guten, sehr guten Gründe: Die Antworten liegen in unserer persönlichen Geschichte! 

Es geht um Gefühle aus unserer Kindheit und Jugendzeit, die uns damals überfordert haben und unverdaut in uns gären. Die „Mauer“, die wir mit Zunahme der schmerzhaften Gefühle aufgebaut haben, schützt uns davor, dass wir uns nicht erinnern müssen. Nicht erinnern müssen bedeutet, dass die Mauer uns vor unseren schmerzhaften Gefühlen schützt, a b e r die Mauer, die uns schützt, verhindert die Verbindung zu unseren Gefühlen, die das Leben sinnvoll für den/die Betroffene/n machen würde. Die „Mauer“ trennt uns von unserer Gefühlswelt, von unserem Ich-bin-Gefühl, von unseren Emotionen wie Liebe, Wut, Freude, Trauer usw. und von unserer Fähigkeit, ein sinnerfülltes und sinnstiftendes Leben führen zu können. Die uns trennende „Mauer“ gibt uns das Gefühl von Sinnlosigkeit.

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Psychotherapie

Inwiefern unterscheidet sich die psychotherapeutische Beziehung von anderen Beziehungen im alltäglichen Leben? 

Die psychotherapeutische Beziehung unterscheidet sich ganz wesentlich in der Hinsicht, dass im Zentrum der therapeutischen Beziehung die unbewusste Gefühlsübertragung vom Klienten auf den Therapeuten steht. Deshalb ist es wichtig, dass der Therapeut sich sehr zurückhaltend verhält, damit sich die unbewussten Gefühle im therapeutischen „Raum“ entfalten, sich ausdrücken und vom Therapeuten aufgenommen und vorsichtig angesprochen werden können. 

Das zentrale Anliegen der Therapie ist es, verdrängte Gefühle, die meist im direkten Zusammenhang mit den Elternfiguren stehen, bewusst zu machen. Es geht dabei um Erhellung und Auflösung von verdrängten und verbotenen Gefühlen, die über Symptome oder inadäquate Reaktionen ihren verzerrten Ausdruck finden.

Beispiel: Jemand hatte eine nörglerische Mutter. Beginnend wird er auch mich, seine Therapeutin, als nörglerisch empfinden. In der Therapie besteht nun die Möglichkeit, das Gefühl sich schnell angegriffen und abgewertet zu fühlen, anzusprechen und bewusst zu machen. Der Klient erkennt und versteht den Zusammenhang zu seinen langjährigen Erfahrungen und kann nun seine Therapeutin als das wahrnehmen, was sie ist. Der Klient lernt Vergangenheit und Gegenwart zu trennen, indem er mich als die wahrnimmt, die ich bin, was ich dazu sage und wie ich es wirklich meine. Das heißt, er lernt unsere therapeutische Realität unverzerrt wahrzunehmen und das Nörglerische der Vergangenheit zuzuordnen.

Es soll in der Therapie darum gehen, dass sich der Klient am Therapeuten erfahren kann und verstehen lernt, von welchen unbewussten Motiven sein Verhalten bestimmt wird oderdas Zustandekommen seiner Symptomatik erklären lässt.

Ein weiterer wesentlicher Punkt der therapeutischen Beziehung ist die Reflexion. Als Therapeutin bin ich dazu verpflichtet, mein Erleben vom Klienten zu reflektieren. Das bedeutet, dass ich über meine und seine Gefühls-Reaktionen oder fehlenden Gefühle nachdenke. Ich reagiere nicht direkt darauf, sondern frage innerlich danach, was es bedeuten könnte. 

Wenn ich zum Beispiel ungeduldig werde, während der Klient erzählt, werde ich kein ungeduldiges Verhalten zeigen, sondern werde die Ungeduld thematisieren. Wir werden zusammen darüber nachdenken, was die Ursache für meine Gefühle der Ungeduld sein könnte. Es kann sich um ein Gefühl handeln, das mit dem Klienten gar nichts zu tun hat. Es kann aber auch sein, dass ich die vom Klienten nicht bewusst wahrgenommene Ungeduld spüre, zum Beispiel, weil ungeduldiges Verhalten in der Ursprungsfamilie verpönt war. In der Therapie besteht nun die Möglichkeit, sich seiner aggressiven Gefühlswelt in einem geschützten Rahmen anzunähern und sie als einen Persönlichkeitsanteil akzeptieren zu lernen.

Was können wir von einer Psychotherapie erwarten bzw. wann ist eine Psychotherapie erfolgreich? Heilt die Psychotherapie das Leiden?

Hier ist es mir wichtig zu betonen, dass Erfolg mit Heilung nicht gleichzusetzen ist. 

Der Behandlungserfolg einer Psychotherapie kann sich nicht alleine auf das Verschwinden eines Symptoms begrenzen.  Das heißt, es gibt in diesem Sinn keine Heilung von Angstzuständen, Depression, Impotenz, Selbsthass, von Zwängen und anderem. Manchmal verschwinden die Symptome während des therapeutischen Prozesses wirklich, doch ist das leider nicht die Regel. Es gibt Symptome, die nie verschwinden.

 Doch –und das erachte ich als das Wesentliche im therapeutischen Prozess– der Erfolg ist dann gegeben, wenn der Klient an seinem Leiden reift. Das bezieht sich auf seine Fähigkeit zur Selbstreflexion, eine vertiefende Toleranz sich selbst gegenüber, sein Verständnis, dass seine Persönlichkeit weit mehr ist, als seine Gedanken und kognitiven Fähigkeiten, und dass der Klient fähig wird, auch negative Gefühle als Anteil seiner Persönlichkeit zu akzeptieren.  Damit ist auch der Abschied von Perfektion und Nur-Gut-Menschen gemeint, der Verzicht auf Vollkommenheit und Paradieserwartungen, ein verbesserter Zugang zu seiner unbewussten Gefühlswelt, im Besonderen zu seinen Träumen, ein Mehr an Humor, Liebesfähigkeit und Beziehungsfähigkeit, sein Leben kreativ und in einem Grundgefühl von Lebensfreude zu gestalten.

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